[dropcap]E[/dropcap]s geht weiter mit der Designklassiker-Serie. Nach Panton Chair und Ulmer Hocker heute mit dem Möbelstück das Ingvar Kamprad mit seinem IKEA-Prinzip so einiges voraus hatte – dem Thonet Nr.214

„Wie jetzt? was hat denn der alte Kaffeehausstuhl mit IKEA zu tun?“ Geduld. Das werdet ihr gleich verstehen.

Dass der 214 ein Klassiker ist ist wohl unumstritten. Bestimmt habt ihr den schicken Stuhl aus gebogenem Holz auch schon einmal irgendwo gesehen. Vielleicht bei Oma,oder in einem Café,im Museum, vielleicht aber auch ganz woanders. Nr. 214 hatte ja auch genügend Zeit um den Status eines Klassikers zu erreichen: Über 150 Jahre.
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Michael Thonet, geboren 1796 in Boppard am Rhein, war Bau- und Möbeltischler. In den 1830er Jahren experimentierte Michael Thonet mit in Leim gekochten Furnierstreifen, bis ihm nach mehreren Jahren die Erfindung der „Möbel aus gebogenem Holz“ gelang. Als Fürst Metternich auf die Begabung des rheinischen Tischlers aufmerksam wurde, holte er diesen 1842 nach Wien. Hier verrichtete Thonet zusammen mit seinen Söhnen zunächst Parkett- und Möbelarbeiten im Palais Liechtenstein und Palais Schwarzenberg, bis er mit dem Sessel Nr. 4 für das Café Daum am Kohlmarkt in Wien die Schwelle zum Kaffeehaus überschritt. Mit dem neuartigen Möbelstück wurde dieser Stuhltypus schon bald Teil der Wiener Kaffeehauskultur und legte den Grundstein für das, was  heute gemeinhin „Projektgeschäft“ genannt wird: Möbel für öffentliche Räume zu produzieren.

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Das besondere am Bugholzstuhl? Diese Technik ermöglichte erstmals die Serienfertigung. Dabei werden Holzelemente durch Dampf-Einwirkung biegsam gemacht und dann in eine Metallform gebogen. Zum Trocknen bleiben sie mehrere Tage in dieser Form, danach ist das Bugholz formstabil. Die einzelnen Elemente eines Modells lassen sich im Baukastenprinzip mit Teilen anderer Modelle kombinieren – damit schaffte Thonet bereits Mitte des 19. Jahrhunderts die Grundlage für die Typen- und Modellvielfalt der späteren Industrieproduktion.

Als nach der Revolution von 1848 viele Menschen erwerbslos waren, waren viele Arbeitskräfte frei für die neuen Thonet-Fabriken – Dampfmaschinen wurden in Betrieb genommen, die ersten Exportaufträge gingen ein. Den Durchbruch schafften die Gebrüder Thonet – das Unternehmen war inzwischen auf die Söhne Michael Thonets überschrieben worden – im Jahr 1859 mit dem aus massivem Holz gebogenen Stuhl Nr. 14, dem berühmten Wiener Kaffeehausstuhl, der zu den Ikonen der Designgeschichte zählt und heute unter der Nummer 214 läuft.

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Von Anfang an präsentierten die Brüder Thonet ihre Entwürfe auf den zeitgenössischen Gewerbeausstellungen. Auf Weltausstellungen werden die Möbel ausgezeichnet, u.a. in London 1851 und 1862. Die mehrsprachigen Kataloge machten die Produkte schon bald zu Exportschlagern. Kein Problem, denn  für Transport und Lagerung gab es ein vorbildliches Konzept: In eine Kiste mit einem Kubikmeter Volumen passten 36 zerlegte Stühle, die erst an Ort und Stelle montiert wurden. In diesen Kisten wurden die Produkte in die ganze Welt exportiert, nach Nord- und Südamerika, Afrika und Asien. (Und das haben nicht die Schweden erfunden!)

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Im nahen und fernen Ausland entstanden Verkaufsniederlassungen, bis schließlich ein weltweites Vertriebssystem für die Vermarktung installiert wurde. Die Thonets unterhielten eigene Verkaufsniederlassungen in den Großstädten der ganzen Welt – von Amsterdam bis New York, und der Exportmarkt floriert. Spätestens um 1900 waren die Bugholzmöbel nicht mehr wegzudenken, passten sie doch so wunderbar zur Architektur des aufkeimenden Jugendstils.  Rund 6000 Mitarbeiter in 7 Fabriken produzierten rund 865.000 Stühle pro Jahr.

1871 stirbt Michael Thonet in Wien. Sein wichtiger Grundsatz war die Familientradition. Heute hat bereits die 6. Generation ihr Büro  im Unternehmen in Frankenberg (Deutschland), dem 1889 gegründeten Standort.

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Mit über 50 Millionen Exemplaren allein bis 1930 ist der 214, mit der früheren Modellnummer 14, nicht nur der meist gebaute Stuhl der Welt und Inbegriff des modernen Massenkonsumartikels, sondern er gilt auch als das gelungenste Industrieprodukt des 19. Jahrhunderts. Die Klassiker aus Bugholz werden von Thonet noch immer im
traditionellen Verfahren und in bewährter Qualität produziert. Das Original erkennt ihr am eingebrannten Thonet-Signet mit der Jahreszahl auf der Unterseite des Sitzrahmens.

Übrigens: der Thonetfilm ist große Klasse

 

Toll der Stuhl, oder? Ich wünsche mir schon langen einen klassischen schwarzen 214 für unseren Tisch. (Wobei der mit Knoten im Fuß ja auch klasse ist, oder?) Hinter diesem Möbelstück steckt nicht nur Geschichte, sondern auch nachhaltige Produktion und echtes Handwerk. An der Produktion der Stühle hat sich bis heute nicht viel verändert. Hier wird nur optimiert. Mensch, würde ich da gerne mal eine Werksführung mitmachen… Vor allem, weil die Firma Thonet ja noch so viel mehr tolles Design zu bieten hat als ihren Klassiker Nr 214. Dazu vielleicht ein andermal mehr.

Und? Ich hab’s euch doch gesagt: Zerlegbare Möbel sind keine schwedische Erfindung ;) Wo habt ihr den 214 schon gesehen? Könntet ihr in euch in eurer Wohnung vorstellen?

 

Unterschrift

 

 

weitere Designklassiker:

Der Panton Chair

Der Ulmer Hocker

Anglepoise Lamp

Ball Clock (Atomic Clock)

Kay Bojesen Affe